Es ist schon eine gefühlte Ewigkeit her (gut, es war 2005), da begab sich meiner einer auf seine erste große Auslandstour, ein Jahr Studienaufenthalt im katalanischen Tarragona. Zugegeben, studiert habe ich dort jetzt nicht so intensiv, aber eine ganze Menge gelernt fürs Leben, z.B. dass Katalonien auf GAR KEINEN Fall einfach so mit Spanien gleichzusetzen sei, dass man zwischen Univorlesungen gern mal Dart und Kicker spielt und dabei dionysischen Freuden frönt… und dass katalanische Weihnachtstraditionen einfach anders sind.
Die katalanische Krippe zum Beispiel. Dort, wo das Jesukind friedlich in der Krippe schlummert, von Ochs und Eselein eingerahmt und noch nichts von seiner bedeutungsschwangeren Rolle für die kommende Weltgeschichte ahnend, ja dort hat sich eine ganz besondere Krippenfigur eingeschlichen, die … nun, es gibt keinen Weg, es hübsch auszudrücken… die schamlos mit heruntergelassenen Hosen in Hockstellung dasitzt, einen kleinen braunen Kringel unter dem nackten Popöchen.
Igittigitt, sagen Sie jetzt? Pfui Deibel, wie pietätlos? Für den Durchschnittsdeutschen vielleicht, aber in Katalonien gehört das Figürchen längst zum unverzichtbaren Krippenaccessoir. Einen “Caganer”, so heißt das kleine Scheißerchen nämlich, auf der Krippe zu haben, ist “stinknormal” (wenn Sie mir diesen kleinen Wortwitz erlauben wollen). Traditionell trägt der Bursche klassische katalanische Bauerntracht. Doch längst haben sich findige Verkäufer gefunden, die den Caganer in allen möglichen Varianten anbieten. Am beliebtesten sind jedoch Figuren, die berühmten Persönlichkeiten nachgebildet wurden. Und dabei ist den Katalanen wirklich kein Name zu heilig: Die spanische Königsfamilie, Fußballhelden, Barack Obama, ja – selbst der Papst: Sie alle können sich über ihr ganz persönliches Caganer-Pendent “freuen”.
Angeblich, so lautet eine der zahlreichen Erklärungen für die Existenz des fäkalfreudigen Burschen, sei einem Hirten, die Aufregung um die Geburt des Heilands ein wenig auf den Darm geschlagen. Andere haben den kleinen Scheißer sogar zu symbolischen Ehren erhoben: Als Sinnbild für eine nährstoffreich gedüngte Erde solle er Glück für eine reiche Ernte bringen. Eines ist klar: Katalanischen Kindern bereitet es jedes Mal aufs Neue große Freude, den irgendwo in der der Krippenlandschaft versteckten Kerl zu suchen. Aber wenn sie den Caganer dann hinter einem Busch oder einem Baum ertappt (und ein wenig gekichert) haben, lassen sie ihn doch sein Geschäft in Ruhe verrichten – denn soviel Anstand muss sein.
Wem dieser Text jetzt noch nicht auf den Magen geschlagen ist, der darf sich schon über einen meiner nächsten Einträge freuen. Dann berichte ich nämlich über den katalanischen Geschenkebringer zu Weihnachten. Und mit einem klassischen Sankt Nikolaus, dem Christkind oder gar dem Weihnachtsmann hat “Tio de Nadal” wahrlich nicht mehr viel gemein.
PS: Hier die neuesten Caganer-Modelle für 2009 als YouTube-Video
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Tags: caganer, Katalonien, Krippe, Krippenfigur, Spanien, Tradition